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Death Sociology

Digitales Jenseits?

Virtuelle Identität im postmortalen Raum

Durch die Ubiquität des Internets und das daraus resultierende Nutzungsverhalten verlagert sich nicht nur das Leben der Menschen in die virtuelle Welt, sondern auch das Sterben.[1] Mit mittlerweile mehr als 30 Millionen toten Usern seit dem Bestehen von Facebook (Ambrosino 2016; die Zahlen stammen von 2012) sind Tod und Trauer zu einem bedeutenden Kommunikationsgegenstand sozialer Online-Netzwerke geworden; wobei Facebook-Mitglieder nicht lediglich umeinander trauen, sondern auch um Verstorbene ohne eigenen Account. Nicht nur der Tod von Facebook-Freunden, sondern auch das Lebensende per se wird zu einem diskussionswürdigen Bestandteil des Webs. Welche Rolle spielen aber dann das Internet und insbesondere interaktive Plattformen wie Facebook für den künftigen Umgang mit Tod und Sterben explizit? Mit dem Fortbestehen digitaler Identitäten nach dem Ableben des physischen Körpers wird die Frage aufgeworfen, welche Konsequenzen dies für die Hinterbliebenen, aber auch für die Verstorbenen hat – und inwiefern sich die Formen von Trauer als Reaktion darauf wandeln.

Der vorliegende Artikel soll einen Einblick geben, wie sich die Digitalisierung auf die Grenzen zwischen Leben und Tod auszuwirken verspricht. Es wird aufgezeigt, wie Tod und Trauer in Sozialen Online-Netzwerken adaptiert und rezipiert werden: Wie verändern sich Traueranzeigen und -bekundungen, wie entwickelt sich der Umgang mit dem Tod online und welche neuen Formen des digitalen Nachlasses kommen auf? Welche Konsequenzen hat das Fortbestehen digitaler Identitäten nach dem Ableben der Körper – sowohl für das Handeln Sterbender vor, wie auch der Trauernden nach ihrem Tod? Und wie verändert all dies die zeitgenössische Erinnerungskultur?

Die Dynamik der Todes- und Trauerbekundung im Web

Gesellschaftliche Entwicklungen bringen bekanntlich häufig einen Wandel auf kommunikativer und technischer Ebene mit sich. Gleichzeitig integrieren Menschen Medien und Technik zunehmend in ihren Alltag und verändern so nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld (vgl. Krotz 2007: 12). Medien und ihr Funktionswandel lassen sich deshalb als eine Art Spiegel der Gesellschaft – insbesondere im Sinne einer Spiegelung auf der Bildschirmfläche – beschreiben. Pessimistische bzw. ambivalente Ansätze verlieren angesichts des Siegesfeldzuges der Internets und der Integration seiner Leistungen in den Lebensalltag zunehmend an Rückhalt; Medientheorien werden wenn auch nicht affirmativ, so doch differenzierter und komplexer betrachtet (Kittler 2014). Und ähnlich wie einst der Buchdruck, stellt auch das Internet eine technische Entwicklung dar, die neue Ausdrucksformen im Bereich Tod und Trauer forciert. Faktisch unterscheiden sich beispielsweise gedruckte Todesanzeigen von Sterbe-Informationen auf Facebook; offenkundig entwickelt sich hier eine medienspezifisch angepasste Form der Todesanzeige. Dies stellt im Kontext von Sterben, Tod und Trauer aber nur ein Beispiel unter vielen dar, die von der »medialen Durchdringung« geprägt sind (Offerhaus 2016: 38).

Um es auf den Punkt zu bringen: Das Internet ermöglicht es nicht nur, Menschen über große Distanzen miteinander zu verbinden, sondern stellt zugleich einen zentralen Wissensspeicher dar, der zu jeder Zeit an nahezu jedem Ort abgerufen werden kann. Damit werden zahlreiche Gebiete des sozialen Lebens tangiert – nicht zuletzt auch der Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Auf unkomplizierten Wegen können beispielsweise virtuelle Todesanzeigen oder diverse Portale der Trauerkommunikation einer breiten Masse an Menschen zugänglich gemacht werden. Durch die gewachsenen Möglichkeiten kompensiert das Netz »funktionale Defizite der Realwelt« (Jakoby 2014: 192), in der die rituelle Verlustverarbeitung bisweilen gewissen Restriktionen unterliegt, wie etwa bei der Grabgestaltung auf dem Friedhof. Der Relevanzgewinn des Internets bewirkt allerdings – obwohl entsprechende Kassandra-Rufe immer wieder zu vernehmen sind – nicht zwangsläufig eine Auflösung klassischer Medien wie dem Zeitungswesen, Radio oder Fernsehen, sondern ist durchaus mit ihnen kompatibel und kann unterschiedliche Formen der medialen Darstellung vereinen (Rautenberg 2017).[2] Das erwähnte Beispiel der Todes- bzw. Traueranzeige demonstriert, wie Online und Offline sich diesbezüglich ergänzen können. Vor allem regionale Zeitungen haben den Trend erkannt und präsentieren Todesanzeigen mittlerweile oft auch auf ihrer Webseite, wo sie eine längere Sichtbarkeit haben als im Printmedium. Häufig sind hierbei virtuelle Kondolenzbücher als erweiterte Form der Kommentarfunktion integriert und ermöglichen auf diesem Weg eine öffentliche Trauer- und Beileidsbekundung.

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) beispielsweise stellt neben einer Anzeigenseite auch eine Premium-Version für Angehörige zur Verfügung. Dort können Besucher virtuelle Kerzen ›aufstellen‹, es können Fotos und Videos hochgeladen, die Seite kann mit einem Passwort geschützt und es kann ein eigenes Design mit selbst gewählter Hintergrundmusik verwendet werden. Auf dieser Gedenkseite werden im Anschluss alle in der SZ veröffentlichten Anzeigen gesammelt, die Trauerrede kann platziert werden, Familienangehörige können sich als solche markieren und sich über die Nachrichtenfunktion adressierbar machen. Das digitale Kondolenzbuch dient als öffentliche Kommunikationsfunktion; hier können die »divergierenden Facetten der Identität der Verstorbenen« (Jakoby 2014: 192) aus Sicht verschiedener Menschen und Freundesgruppen je nach Erinnerungsperspektive festgehalten werden (vgl. Süddeutsche Zeitung 2016a; 2016b).

Solche Gedenkseiten sind ähnlich aufgebaut wie sogenannte virtuelle Friedhöfe. Letztere haben im Vergleich zu ihren Offline-Vorbildern den Vorteil, dass sie orts- und öffnungszeitenunabhängig sind und zugleich je nach Bedürfnis der Trauernden immer wieder aktualisiert und angepasst werden können (vgl. Meitzler 2013b: 293). Im Gegensatz zu realen, d.h. materiellen Gräbern, können im Internet Weblinks, Bilder, Profile sozialer Online-Netzwerke, Texte, Videos und Musik als zusammengefasstes digitales Abbild in die virtuelle Gedenkseite integriert werden. Dementsprechend ist diese Erinnerungsstätte nicht statisch, sondern weitaus flexibler und modifizierbarer als klassische Grabstätten. Virtuelle Gedenkseiten trennen also nicht nur den Erinnerungsort vom Ort der Bestattung, sondern sie schaffen auch eine Plattform des Austauschs. Während virtuelle Friedhöfe digitale Grabsteine beinhalten und den Transfer von Riten in die Online-Welt ermöglichen, geben vor allem Trauerforen Hinterbliebenen die Möglichkeit, sich via Nachrichten untereinander zu einem bestimmten Thema auszutauschen. Mit dem Verlust des eigenen Kindes, dem Unfalltod des Ehepartners oder dem Tod eines Elternteils sind Betroffene hier nicht allein.

Trauerforen und virtuelle Friedhöfe lassen sich durchaus miteinander verknüpfen. In sogenannten Trauerchats bieten Experten aus der Trauerhilfe, wie z.B. fachlich ausgebildete Trauerbegleiter, professionelle Hilfe und Unterstützung an. Die auf solchen Seiten gleichwohl vorherrschende Anonymität ist durchaus funktional: Sie bietet auch Menschen, die ihre Trauer »um eine Beziehung, die gesellschaftlich als nicht legitim oder in irgendeiner Weise als problematisch betrachtet wird« (Offerhaus 2016: 54), beispielsweise um eine Affäre, ausdrücken wollen, einen Raum. So offeriert z.B. die Seite trauer.de zusätzlich zu einer Übersicht aller Traueranzeigen von Verstorbenen ihrer Partnerverlage auch ein Trauerforum, in dem sich User über das Erlebte unterhalten können. Hier wird insbesondere der Verlust derer betrauert, die nach modernem Verständnis nicht ›auf vorgesehenem Wege‹ gestorben sind. Besonders der frühe Tod im Kindes- oder Jugendalter gilt in einer Gesellschaft mit vergleichsweise hoher Lebenserwartung als dramatisch und ist daher besonders reflexionsbedürftig (vgl. Meitzler 2013a: 16). Der Austausch zwischen Hinterbliebenen und das gemeinsame Betrauern der jeweiligen Sterbefälle ist hier vielfach zu beobachten. Eine solche Austauschkommunikation kann eine schnellere Anschlussfähigkeit der Betroffenen an jene soziale Welt ermöglichen, der sie durch den Schock der Trauer zumindest teilweise abhandengekommen sind.

Durch eine Verlagerung der Traueranzeigen und Gräber ins Netz wird auch ein Teil der Identität der Verstorbenen auf den virtuellen Raum übertragen. Dies passiert mitunter bereits prämortal. Seit dem Aufkommen von ›Social Media‹ entstehen ständig neue digitale Plattformen, die die Vernetzung von Menschen, mithin also: Kommunikation unter Abwesenden, zum Inhalt haben. Das größte dieser Online-Netzwerke ist nach wie vor Facebook (We Are Social 2017a). Weltweit betrachtet, sind die Nutzer im Alter von 18–24 Jahren hier am stärksten vertreten (We Are Social 2017b), während es in Deutschland die Gruppe der Mittzwanziger bis Mittdreißiger ist, die die Plattform dominiert (We Are Social 2017c). Im Zuge des demografischen Wandels der vergangenen Jahrzehnte ist diese Nutzergruppe, zumindest statistisch gesehen, noch relativ weit vom Lebensende entfernt – dennoch könnte es (unter der Annahme der baldigen Stagnation der Neu-Anmeldungen) auf der Plattform im Jahr 2065 mehr Tote als lebendige User geben (vgl. Munroe 2016: 301).

Im Gegensatz zu WhatsApp oder Twitter hat Facebook nicht nur eine Kommunikationsfunktion (z.B. über das Versenden von Nachrichten oder Verfassen von Posts), sondern versucht darüber hinaus, »die ganze Bandbreite menschlicher Kommunikations- und Interaktionsgeschehen abzubilden« (Luthe 2016: 63). Zur Schaffung einer digitalen Identität beginnt Facebook zunächst damit, biografische Daten abzufragen und vernetzt daraufhin User über Algorithmen mit bereits bestehenden Profilen von Menschen, die ähnliche Angaben gemacht haben. Das Online-Netzwerk bietet darüber hinaus Raum für Diskussionen, Unterhaltungen, Fotos, Planung von Veranstaltungen, Werbung für bestimmte Produkte und Dienstleistungen und vieles mehr. Aufgrund seiner Flexibilität und vielseitigen Funktionen verwundert es nicht, dass Facebook, wie angesprochen, auch für den Kontext der Trauer und Erinnerung adaptierbar ist.

Da Nutzerprofile fortbestehen können, existiert die digitale Identität potenziell über das physische Ableben hinaus noch weiter – sofern dies gezielt (mithin fremd-) veranlasst wird. Das Profil, das zumeist ein Foto des oder der Verstorbenen zeigt, bietet post mortem sozusagen eine face-to-face-Kommunikation mit den Verstorbenen, was angesichts der Emphase auf das »Face« bei »Facebook« durchaus buchstäblich zu verstehen ist: man kann, unter bestimmten Umständen, Teilhaber der visuellen Evidenz einer gewesenen Identität sein. Gleichzeitig können Trauernde – auch solche, die sich offline noch nie begegnet sind – im virtuellen Raum ›zusammenkommen‹ und z.B. Fotos oder andere Formen der persönlichen Erinnerung zirkulieren lassen.

Zu Lebzeiten überlässt Facebook seinen Usern die Entscheidung darüber, ob ihr Account nach dem Tod als Gedenkseite weiter existieren oder gelöscht werden soll. Wählt man die erste Variante, so muss ein Kontakt benannt werden, der die Seite im Todesfall verwalten darf. Hat der/die Verstorbene hierzu keinerlei Angaben gemacht, besteht für die Angehörigen die Möglichkeit, einen Antrag auf Löschung des Profils oder auf Umwandlung in eine Gedenkseite zu stellen.

Eine Gedenkseite unterscheidet sich von den herkömmlichen Profilen dadurch, dass der Name des Verstorbenen mit dem Zusatz »In Erinnerung an« versehen wird. Ferner kann das Profil von anderen Nutzern nicht mehr zur ›Freundschaftseinladung‹ verwendet werden. Zudem wird ihnen der Geburtstag des Verstorbenen nicht mehr angezeigt, es wird keine Werbung mehr auf dem Profil geschaltet und niemand kann sich mehr über diesen Account anmelden und etwaige private Nachrichten einsehen.[3] Auch werden sämtliche Gruppenadministratorrechte entfernt und das Konto kann nach dieser finalen Statusänderung nicht mehr bearbeitet werden. Der Tod eines Facebook-Users forciert also Modifikationen in seinen Account-Einstellungen, die vor seinem Ableben nicht möglich waren. Je nach den vorgenommenen Privatsphäre-Einstellungen können Online-›Freunde‹ aber weiterhin Inhalte in der Chronik des Verstorbenen teilen und somit aktiv dessen virtuelle Präsenz mitgestalten.

Die reziproke Kommunikationsstruktur auf Facebook und anderen Online-Netzwerken ermöglicht ein ›Zusammenfinden‹ von Nutzern mit ähnlichen Interessen und Motivlagen. »Gleiche Vorstellungen und Riten verbinden Menschen, verschiedene trennen die Gruppen« (Elias 2002: 13). Wer sich bei Facebook, oder anderswo, gezielt mit dem Tod anderer befasst, gelangt folglich in eine spezifische soziale Situation. Die dahinter womöglich stehende, wenn auch nicht immer gezielt anvisierte Vergemeinschaftungsidee orientiert sich »gerade bei todesspezifischen Ereignissen an einem höheren normativen Gruppenzweck, der den Zusammenhalt der Gruppe garantieren bzw. die Restrukturierung des in einer solchen Krisensituation geschwächten Beziehungsgefüges der lokalen Bezugsgemeinschaft vollziehen vermag« (Schiefer 2007: 201). Der Austausch mit der Internet-Community kann den Hinterbliebenen auf ›laien-therapeutische‹ Weise helfen, ins Alltagsleben und zu ihren lokal-sozialen Gefügen zurückzukehren. Die »digitale Mediengeneration« (Berg et al. 2014: 9) vergemeinschaftet sich darüber hinaus ohnehin anders als vorherige peer groups. Gemeinschaftsbildung mit digitalem Hintergrund ist beispielsweise eher global als lokal ausgerichtet. Die zugrundeliegenden Medien dienen ähnlich wie das direkte soziale Umfeld im ›realen‹ Leben der »Integration, der Erhaltung der Sozialstruktur, der Sozialisation und Erziehung« (Feldmann 2010: 101). Und doch sind die Mechanismen internettypisch, insbesondere im Kontext des Lebensendes. Der Tod online ist ein gänzlich anderes Phänomen als der sozial verhandelte Tod außerhalb, der unabhängig von der weltweiten Kommunikationsvernetzung erfolgt, die das Internet darstellt.

Wie am Beispiel von Facebook kurz zu zeigen versucht wurde, sehen sich soziale Online-Netzwerke durch die bewusste Entscheidung der Auseinandersetzung zunehmend mit dem Tod konfrontiert und entwickeln daraufhin Handlungswege, die einen adäquaten Umgang mit der Thematik ermöglichen sollen – wobei die Frage, was hier Adäquanz meint, strittig bleibt (für das Beispiel Youtube siehe näher Benkel 2018; für Instagram vgl. Timm/Nehls 2017). Die Verschiebung von Trauer und Totengedenken in den Online-Sektor ist für die Thanatosoziologie der Gegenwart und Zukunft jedenfalls überaus relevant. Während der Körper nicht mehr existiert, geht das digitale Leben auf eine Art und Weise weiter, die die einstige Abhängigkeit der Menschen von diesem Körper nahezu vergessen macht.

Virtuelle Identitätskonstruktionen

Im Gegensatz zu physischen Orten ist der virtuelle Raum »elektronisch konstruiert, er entsteht mit dem Eintritt in virtuelle Realitäten« (Nord 2016: 26), zwischen denen fast grenzenlos hin- und hergesprungen werden kann, ohne dass die körperliche Position der Person, die entsprechendes Nutzungsverhalten zeigt, sich verändern muss. Die Übergänge zwischen virtuellen und analogen Räumen sind fließend: Während in einem Moment noch Videos oder Facebook-Profile auf dem Smartphone die umgebende Wirklichkeit bestimmen, springen Nutzer im nächsten Moment in die ›reelle‹ Wirklichkeit zurück, wenn Umweltreize wie das abrupte Stoppen der U-Bahn, in der man sich befindet, es erfordern. Der Wandel der Räumlichkeit besteht hier also, neben vielem anderen, in einer Marginalisierung der physischen zugunsten der Flexibilität der virtuellen Topik. Auch in der Sepulkralkultur vollzieht sich eine Transformation der tradierten Räumlichkeit. Virtualität hat sich in diesem Bereich bereits eingenistet und ehedem lediglich ›materiell‹ gedachte Räume umstrukturiert. Einerseits stehen viele der Änderung oder gar einer Abstinenz des ›greifbaren‹ Raumes im Kontext der Trauerkultur kritisch gegenüber, etwa weil dem Internet als ›entkörperlichter‹ Trauerort das materielle Vorhandensein eines Leichnams fehlt. Digitalisierung von Trauer bedeutet nämlich auch, die Kennzeichen der klassischen Trauer-Orte zugunsten neuer Bedeutungsangebote zu relativieren; somit kann auch die Leiche, oberflächlich betrachtet: das materielle Zentrum von Trauerhandlungen, nebensächlich werden.

Andere erkennen am »virtuelle[n] Gedächtnisort« dagegen Vorteile, beispielsweise in Hinblick auf die »wechselnden Stadien von Trauer, Verlustbewältigung und Erinnerung« (Fischer 2001). Digitale Friedhöfe ermöglichen eine flexible Veränderung, Neuausrichtung und Anpassung der Inhalte an die je aktuellen Befindlichkeiten. Die Dynamik des virtuellen Raums, so könnte man schlussfolgern, wird auf diese Weise der Dynamik der Trauer gerecht. Wenngleich die ›herkömmlichen‹ Friedhöfe nicht nur als Körperaufbewahrungsstätte, sondern auch hinsichtlich ihrer darüber hinausgehenden sozialen und psychologischen Funktionen weiterhin von hoher gesellschaftlicher Relevanz sein werden, erlaubt das Web 2.0 (wenn nicht sogar schon Web 3.0[4]) mit seinen Technologien und Vernetzungsoptionen neue Formen des (semi-)öffentlichen Trauerns, die offenbar weniger Restriktionen unterliegen wie das materielle, räumlich gebundene Grab.

Während ein herkömmlicher Grabstein meist nur wenig Platz für Inschriften oder Bilder gewährt, ermöglicht es das Internet, dass neben Texten auch Fotos, Videos, Audios usw. in einer nahezu unbegrenzten Menge platziert und mit vielen Menschen an unterschiedlichen Orten geteilt werden können. Das Bildmaterial, das den Verstorbenen zeigt, avanciert »zum Erinnerungsgenerator« (Benkel 2013a: 139). Angesichts solcher »Unsterblichkeitsbilder« (Benkel 2013b: 100), die die Toten auch noch lange Zeit nach ihrem physischen Lebensende visuell präsent halten, lässt sich zwischen einem ersten und einem zweiten Körper unterscheiden (vgl. Benkel/Meitzler 2016: 120). Während der erste Körper den Leichnam darstellt, der im Zuge seiner Bestattung dauerhaft unsichtbar gemacht wird, ist mit dem zweiten Körper die erinnerte Abbildung des lebendigen Leibes gemeint – etwa in Form von Foto- oder Videoaufnahmen. Als (optische) Repräsentation des Verstorbenen sorgt der zweite Körper weiterhin für eine »soziale Präsenz im Kreis der Hinterbliebenen« (ebd.: 121). Auch in Online-Netzwerken bilden solche Bilder die »körpernächste Repräsentation« (ebd.: 118) des Verstorbenen. Einen gewissen ›Exklusivitätscharakter‹ erhalten sie aus dem Umstand, dass mit dem Leben eines Menschen für gewöhnlich auch die visuelle Dokumentation seines Körpers endet und der Bildfundus, aus dem Hinterbliebene im Kontext ihrer Trauer und Erinnerung schöpfen können, nicht weiter wächst.[5]   

Trotz der skizzierten Unterschiede weisen virtuelle und materielle Friedhöfe durchaus Analogien auf. In beiden Fällen geht es um Sinnzuschreibungen und um die Verräumlichung der psychologischen und sozialen Effekte des Todes (vgl. Benkel 2013c: 130). Diese Primäraufgabe des Trauerortes kann offenkundig durch mediale bzw. virtuelle Weiterentwicklung der einstmals lediglich physisch verortbaren Funktionsräume  erfüllt werden, indem virtuelle Plattformen funktionell für Trauer geeignet sind und als solche auch rezipiert werden: Mit dem Aufkommen von Trauerforen und virtuellen Friedhöfen werden ›elektronische Räume‹ konstruiert, in denen Hinterbliebene miteinander in Kontakt treten können: die Trauergemeinschaft wird so zur »Schicksalsgemeinschaft« (Offerhaus 2016: 55). Trauerkommunikation findet hier zwar öffentlich, aber gleichzeitig privat statt: Einerseits sind Kommunikationsverläufe in öffentlichen Foren für alle bzw. wenigstens für registrierte User einsehbar, andererseits steht man meist nur mit wenigen anderen Nutzern und Nutzerinnen im direkten Austausch, d.h. nicht alle, die mitlesen, beteiligen sich auch an der Unterhaltung. Die sich dadurch konstituierende Trauergemeinschaft selegiert, ob sie sich ausschließlich mit Bekannten des Verstorbenen oder auch mit ›außenstehenden‹ Fremden austauschen möchte. Virtuelle Friedhöfe bestätigen die Strömungen der »sozialen, ästhetischen und religiösen Individualisierung von Trauer […] und können somit als individuelle bzw. individualisierte Räume der Trauer und des Gedenkens betrachtet werden« (ebd.).

Durch die Mobilisierung des Internets sind die Todesthematik im Allgemeinen sowie das konkrete Schicksal des Verstorbenen im Besonderen immer und überall zugänglich.[6] Hier lässt sich nun eine Brücke schlagen: Durch die Aggregation digitaler Identitäten in Form von Facebook-Profilen sowie den diversen Erinnerungsmöglichkeiten, die das World Wide Web offenbart, wird eine neue Art der Nekropole geschaffen, die ohne physische Körper auskommt, obwohl sie immerzu auf physische Körper verweist. Während der Tod vormals bestimmten Bereichen wie z.B. dem Friedhof vorbehalten war, ist er durch die Verlagerung ins Netz allzeit via Smartphone und anderen Endgeräten abrufbar. Die anonyme Netzgemeinschaft erlaubt es aber gleichzeitig, Trauer individueller auszuleben: der gesellschaftliche Druck einer angemessenen Trauerzeit (z.B. das Witwenjahr) sinkt, weiterhin profitieren Trauernde von neuen, idiosynkratischen Riten der Verlustbewältigung (z.B. parasozialen Kommunikationsformen, wie regelmäßiges Posten an die Chronik der Verstorbenen), die nicht mehr unter direkter gesellschaftlicher Beobachtung stehen, sondern über eine Vermittlungs-Plattform wieFacebook passieren. Die Ubiquität des Todes hat eine ständige Verfügbarkeit der Thematik und Zugänglichkeit zur Trauermöglichkeit zur Folge, die polymorphe Struktur der User-Gemeinschaft bietet Hinterbliebenen einen schier unendlichen Austausch mit anderen. Diese multifunktionale Nutzung von sozialen Online-Netzwerken erweitert die Möglichkeiten, die Trauernden in der Offline-Welt zur Verfügung stehen, immens.

Die Emergenz einer Online-Erinnerungskultur

Durch die Verschiebung des Todes und der damit verknüpften Handlungsstrukturen in die Online-Welt emergiert eine neue Kultur des Erinnerns. Die Integration der Gedächtniskategorie, des Erinnerns und des Vergessens kann dazu beitragen, den Blickwinkel auf bestimmte Rituale und soziale Handlungen zu erweitern. Angelehnt an Durkheims Konzept des kollektiven Bewusstseins entwarf Maurice Halbwachs eine Theorie des kollektiven Gedächtnisses (Halbwachs 1991). Laut Halbwachs, der sich zum Thema Tod übrigens explizit in einem Buch über den Suizid ausgelassen hat (Halbwachs 2002), lässt sich Gedächtnis nicht losgelöst von seinem sozialen Bezugsrahmen verstehen, denn erst im Rückgriff auf gesellschaftliche Voraussetzungen sind Individuen dazu in der Lage, Erinnerungen zu generieren (vgl. Dimbath/Heinlein 2014: 1f.). Ein Gedächtnis wird im soziologischen Sinne nicht als Speicher, sondern als Mechanismus betrachtet, der die Relation zu bestehenden Strukturen verwaltet. Bereits bekannte Ereignisse werden nicht als komplett neu erlebt und verarbeitet, sondern in strukturellen Bezug zu bereits Erlebtem gesetzt und als sogenanntes ›Schema‹ gespeichert. Erinnern kann deshalb als expliziter Bezug zur Vergangenheit aufgefasst werden, zu dem automatisierte und gewohnheitsmäßige Routine-Handlungen nicht zwangsläufig gehören. Auf Grundlage dieses Schemas wird also entschieden, was relevant für eine Erinnerung ist.

Hubert Knoblauch sieht die Modernisierung der Gesellschaft im Lichte einer Veränderung der Form kollektiven Gedächtnisses, welches sich zunehmend aus den »statischen Institutionen des tradierten Wissens in die dynamischen Prozesse der Kommunikation« verlagere, woraus sich wiederum eigene »Traditionen, Konventionen und Institutionen ausbilden« (Knoblauch 1999: 735f.). Die rasante Entwicklung und Verbreitung von Informationstechnologien und der damit verbundene Strukturwandel in der Kommunikation zieht in der Konsequenz auch einen Umbruch im Bereich des sozialen und kulturellen Gedächtnisses nach sich. Hierbei sind nicht ausschließlich die medientechnischen Entwicklungen Motor des Wandels, sondern vielmehr jene kommunikativen Praktiken, die auf diese Medienentwicklung folgen (vgl. Dimbath/Heinlein 2014: 5). Als Vermittler der Wirklichkeit sind Medien jedoch nicht als neutral zu betrachten, wie die umfangreichen Debatten um ihr konstruktivistisches Potenzial ab den 1980er Jahren gezeigt haben (Luhmann 2017). Sie verändern die Gedächtnisfunktion der Rezipienten insofern, als sie durch ihre Materialität und Kapazität (beispielsweise über Foto oder Video bzw. den Server-Speicher oder Upload-Grenzen) selegieren und damit gewisse »Erinnerungschancen« (Dimbath/Heinlein 2014: 7) generieren. Darüber hinaus werden Informationen über zeitliche Abläufe je nach Medienform unterschiedlich interpretiert, sodass die scheinbar ›objektiv erledigte‹ Vergangenheit in einem immer wieder anderen Licht betrachtet werden kann. Eine Todesanzeige aus dem Ersten Weltkrieg wurde damals unter anderen Gesichtspunkten betrachtet und interpretiert (z.B. der Heldentod eines Soldaten), als es heute der Fall wäre (vgl. ebd.: 7, 16).

Die Temporalform Vergangenheit ist im Kontext von Trauerhandlung offenkundig eine zentrale Größe. Genau genommen, bezeichnet Erinnerungskultur in Bezug auf Verstorbene sämtliche Handlungsweisen der lebenden Hinterbliebenen, die dem Ziel gewidmet sind, ihre Toten bis in die Gegenwart hinein weiterhin im Bewusstsein zu halten. (Welcher weiteren Funktion dieses ›Präsenz-Schaffen‹ im Einzelnen dienen mag, spielt dabei zunächst keine Rolle.) Das soziologisch inspirierte Konstrukt des Erinnerns sieht die andauernde Gegenwart der Verstorbenen im sozialen Handeln der Hinterbliebenen als eine eigenwillige Form der Trauer an, denn hier werden parasoziale Beziehungskonzepte gepflegt, die den alltagsüblichen Interaktionsweisen widersprechen oder sie zumindest radikal umgestalten. Die thematisierten Online-Angebote sind in diesem Zusammenhang besonders relevant. Die Variante, sich dem wie auch immer gearteten Post-Mortem-Sozialitätspotenzial zu verweigern, wirkt folglich so radikal, wie es in Zeiten vor dem Internet die Verweigerung war, ein Grab zu besuchen. Die Löschung der Facebook-Seite eines Verstorbenen (auch diese Option steht Hinterbliebenen offen) käme vor diesem Hintergrund einer Vernichtung von (zumindest potenziellen) Erinnerungsmöglichkeiten gleich, wie die Psychologin Elaine Kasket behauptet: »Wenn Sie die Seite eines 22-Jährigen löschen, ist das, als würden Sie in das Haus jedes einzelnen von dessen Freunden einbrechen, deren Kiste mit Erinnerungen nehmen und sie verbrennen« (zit. nach Stremmel 2016).

Wurden virtuelle Angebote, die den Trauerprozess erweitern, bereichern, jedenfalls verändern, und deren Ursprünge auf die 1990er Jahre zu datieren ist (Geser 1998), lange Zeit als Nischenphänomen verstanden, kann mittlerweile durchaus von einem »soziokulturellen Phänomen der Trauer- und Erinnerungskultur« (Jakoby 2014: 183) sui generis gesprochen werden. Gerade online spielt der zweite Körper als virtuelle Identität eine große Rolle. Die enträumlichte Online-Version eines Grabes bzw. das umfunktionierte Social Media-Profil sind einerseits ›Orte‹ zum Trauern, andererseits aber auch ›Stätten‹ der Erinnerung und der Verarbeitung des Todes. Entscheidend ist, dass virtuelle Felder sich wesentlich effektiver und autonomer aneignen lassen als klassische materielle Räume.

Der Bedeutungsgewinn des Internets ist letztlich einer von mehreren Faktoren des in der jüngeren Vergangenheit zu verzeichnenden Umbruchs innerhalb der Sepulkralkultur. Das Web 2.0 bietet Plattformen, die Erinnerungen auf vielfältige Weise konservieren und Verstorbene in Form ihrer ›digitalen Identität‹ auch über das biologische Lebensende hinaus betrachtbar und mitunter sogar adressierbar machen können. Da sich Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert unter dem Einfluss des Internets grundsätzlich geändert hat und nach wie vor verändert, darf auch hier von einem Wandel in der Trauerarbeit ausgegangen werden. Das Verschwinden klassischer Friedhöfe und das Aufkommen alternativer Erinnerungsorte, die Bildlichkeit der Verstorbenen, sowie die digitale Identität als Fortexistenz einer Biografie, deuten darauf hin, dass das Web 2.0 gute Chancen hat, sich als gesellschaftlich akzeptierte Plattform der Erinnerungskultur zu etablieren. Als Speicher und Bewahrer von Erinnerungen sind Medien essenziell für Trauer im 21. Jahrhundert.  

Die daraus resultierenden neuen Umgangsformen mit dem Lebensende drücken sich u.a. in Ritualen aus. Bei aller Ausprägungsvielfalt haben Rituale gemein, dass sie »Unterbrechungen« des Alltags und somit das »Gegenteil von Gewohnheiten« darstellen (Macho 2006: 7). Insbesondere in Situationen, in denen kein »technisch wirksames Verhalten« (Hahn 1974: 71) abgerufen werden kann, greifen Menschen auf Rituale zurück. Es lässt sich näher differenzieren zwischen »Ritualisierungen« bzw. »Alltagsritualen«, die »Entlastung, Sicherheit und Struktur in den alltäglichen normalen Abläufen der Lebenswelt vermitteln« sowie solchen Ritualen, »die Übergänge bei bedeutsamen und einschneidenden Ereignissen im Leben begleiten und Hilfestellungen bei Krisen bieten« (Schäfer 2011: 90f.). Solche »rites de passage« beschrieb Arnold van Gennep bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als »Übergangsriten« zwischen den einzelnen Etappen des Lebens (Gennep 1986: 21). Das Ziel ist eine Überführung des Individuums von einer genau definierten Situation in die nächste. Weil auch und vor allem der Tod einen massiven Einschnitt bedeutet, sind entsprechende Rituale insbesondere im Bestattungskontext weit verbreitet.

Rituelle Handlungen verfolgen weniger ein instrumentelles und zweckrationales Ziel, vielmehr verweisen sie auf einen »symbolischen Sinn«, indem » sie Neues, Außerordentliches mit den Mitteln der Alltagspragmatik Unverstehbares verstehbar« machen. Während die »empirisch-objektive Situation« (Nassehi/Weber 1989: 247) der betroffenen Personen bestehen bleibt, konstituiert sich ihre erlebte Wirklichkeit unter Einfluss dieser Symbolik neu. Die verstorbene Person ist vielleicht noch als physischer Körper präsent, als handelndes Individuum aber nicht mehr in der Gesellschaft vertreten. In der subjektiven Wirklichkeit der Hinterbliebenen bleibt sie jedoch vorerst weiterbestehen. Der Tod lässt sich nicht rückgängig machen, Bestattungs- und Trauerriten helfen aber, der Welt in dieser außergewöhnlichen Situation wieder symbolischen Sinn zu geben. Pierre Bourdieu konstatiert jedoch, dass Trauerriten keine Funktion haben, sondern als Praktiken lediglich »Selbstzweck« sind (Bourdieu 1987: 39). Demgegenüber sieht Durkheim – durchaus vor dem Hintergrund gewisser Überschneidungen zu Bourdieu, gerade im Zusammenhang von Tod und Abschiednahme (vgl. Benkel 2013c: 59ff.) – die Funktion von Trauerriten in der Schaffung gemeinschaftlicher Integration (vgl. Durkheim 1981: 535). Hinreichend für das Gemeinschaftsgefühl sei, so Durkheim, allein der öffentliche Ausdruck von Trauer, welche vor diesem Hintergrund nicht als Zeichen einer individuellen Befindlichkeit zu betrachten ist, sondern als ritualisiertes Handeln im sozialen Kontext (vgl. ebd.: 532ff.).

Einerseits wird also von soziologischer Seite die Normativität und Kollektivität von Trauerritualen angesprochen. Andererseits wird die, damit wohl insgeheim verbundene, Antiquiertheit mancher dieser Konzepte angeprangert: Die moderne Lebenswirklichkeit sei mit »antiquierten und unangemessenen Ritualen nicht mehr kompatibel« (Feldmann 2010: 67). Der Grund hierfür liegt u.a. darin, dass Rituale einen Bezug zu Religionen, Weltanschauungen oder gewissen Symbolen haben, entsprechenden Modellen im Zuge der Säkularisierung und auch angesichts der Individualisierung (Meitzler 2016) aber immer weniger Bedeutung beigemessen wird. Es stellt sich somit die Frage nach der Beständigkeit und Struktur ›neuer‹ Bestattungs- und Trauerriten. Der Rückzug des Religiösen und die zunehmend individualisierten Formen von Trauer bestärken zwar einen Schwund von praktizierten Riten, der aber gleichzeitig mit einer idiosynkratischen Ritualerzeugung aufgewogen wird. Das Internet bietet diverse Plattformen, welche fehlende Ordnungsstrukturen ausgleichen. Entsprechende Angebote »liefern die Bausteine, damit jeder sich seine eigene Totenwelt, seine Unsterblichkeits- und Jenseitsvorstellungen basteln kann« (Feldmann 2010: 100).

Auf diese Weise bilden sich gegenwärtig »individuell bedeutsame Rituale« (Offerhaus 2016: 53) heraus und digitale Netzwerke übernehmen in Zeiten der Säkularisierung zunehmend »religionsanaloge Funktionen« (Luthe 2016: 72). Herkömmliche Trauerrituale wie das Aufstellen und Anzünden von Kerzen am Grab werden in den virtuellen Raum übertragen und auf spezifische Weise weitergesponnen. So wird etwa in manchen Forenbeiträgen darum gebeten, am virtuellen Grab per Mausklick eine virtuelle Kerze zu entzünden oder sich in einer digitalen Kondolenzliste einzutragen. Anders als auf dem analogen Friedhof werden häufig aber auch fremde Besucher der Seite, die den Verstorbenen nicht persönlich kannten, zu entsprechenden Handlungen (u.a. per Aufruf in Foren) zumindest implizit aufgefordert. Hierbei handelt es sich also nicht so sehr um eine Geste der persönlich empfundenen Trauer und Erinnerung, sondern in erster Linie um ein »Zeichen der Aufmerksamkeit, Verbundenheit und des wechselseitigen Trostspendens unter Nutzerinnen und Nutzern« (Offerhaus 2016: 52). Das Internet bietet Trauernden die Möglichkeit, auf relativ unkomplizierten Wegen mit solchen Menschen in Kontakt zu kommen, die die eigene Trauer über die gesellschaftlich anerkannte Zeitspanne hinaus akzeptieren. Gleichwohl sind auch diese Räume, wie die beschriebenen Beispiele ausschnitthaft andeuten, nicht frei von normativen und wiederum kollektiven Mustern und Handlungserwartungen.

Mit der hier skizzierten Verlagerung von Trauer in den digitalen Raum wird nicht zwangsläufig das Ende traditioneller Rituale in der Offline-Welt eingeläutet, vielmehr ergänzen solche »medialen Ritualisierungen« (Luthe 2016: 72) das klassische Trauerausdrucksrepertoire um neue Facetten, die den betroffenen User dabei unterstützen, die erlebte Verlustsituation in die eigene Alltagswelt emotional einzuordnen. Die virtuelle Identität der Verstorbenen gibt den Hinterbliebenen das Gefühl, dass die Person zumindest noch digital existent ist und somit noch eine »soziale Rolle im Leben der Hinterbliebenen« (ebd.: 73) spielt. Ein Effekt davon ist im Übrigen die Sichtbarkeit und Beobachtbarkeit entsprechender Gesten durch ihre digitale Aufzeichnung. Worte der Trauer, der Verzweiflung, des Trosts, der Versöhnung, des Abschieds etc. verbleiben nicht mehr ausschließlich im privaten sozialen Nahraum (wo sie ansonsten in vertrauter Atmosphäre face-to-face ausgesprochen, auf der Innenseite einer Trauerkarte oder auf der gut verwahrten Kondolenzliste niedergeschrieben werden), sondern sie erfahren dank der  ›Publikationsmaschine‹ Internet eine schwer justierbare Öffentlichkeit – und sie können (und sollen?) damit unter Umständen auch von solche Personen rezipiert werden, die in den Trauerfall nicht persönlich involviert sind. Die von den Betroffenen wohl unbeabsichtigten Potenziale, die sich hieraus für die empirische Erforschung von Trauerhandlungen ergeben, sind durchaus ernst zu nehmen.

 Status quo und Entwicklung des digitalen Sterbens

Wie die technische Entwicklung zeigt, nehmen Online-Netzwerke mittlerweile eine kaum zu unterschätzende Funktion in der alltäglichen Lebenswelt von Menschen ein. Als virtuelles Weltkonzept hält das Internet durch seine mobilen Strukturen und personalisierbaren Möglichkeiten Plattformen bereit, die auf gesamtgesellschaftliche Tendenzen zeitnah und delokalisiert reagieren. Das gilt, wie zu zeigen versucht wurde, nicht zuletzt für das Handlungsfeld Sterben, Tod und Trauer. Zeitungen und andere Anbieter haben in den Erweiterungen, die das Internet diesbezüglich bietet, eine Inspiration gesehen und sich mit Online-Todesanzeigen, virtuellen Friedhöfen, Trauerforen etc. verbunden. Diese im Gegensatz zu ihren Offline-Pendants zeitlich und räumlich unbegrenzte Option des Gedenkens findet auch auf anderen Ebenen Anklang in einer zunehmend mediatisierten Gesellschaft. Ohne einen persönlichen Bezug zu Verstorbenen zu haben, können Beileidsbekundungen wie beispielsweise bei Terroranschlägen (#jesuisparis), Flugzeugabstürzen (#4u9525, die Flugnummer des abgestürzten Germanwings-Flugzeugs) oder dem Versterben Prominenter (#RIPprince) über Hashtags ausgedrückt werden. Auf Instagram schlug das Versterben von ›@kimspiriert‹ (richtiger Name: Kim Becker) hohe Wellen. Der ›Influencerin‹ wird Ende 20 Brustkrebs diagnostiziert, woraufhin sie fortan hauptsächlich über ihre Erkrankung bloggt. Auf ihren Tod, der von ihrer Familie per Foto auf Instagram verkündet wird, folgen über 80.000 Likes und unzählige Beileidsbekundungen in den Kommentaren. Darüber hinaus zeigt Instagram nicht nur das Profil von Verstorbenen, sondern bietet eine Plattform, auf der Zuschauende sozusagen Teil des Sterbeprozesses werden können. Bereits vor ihrem Tod bloggte besagte Instagrammerin über ihren Krankheitsverlauf, auch andere Accounts wie zum Beispiel @vriesl berichten auf Instagram über ihre unheilbare Krankheit und nehmen ihre Follower mit auf ihrem Weg.

Das vormalige Monopol der Kirchen und religiöser Institutionen im Hinblick auf Todeserklärung, Jenseitshoffnung, Trauerunterstützung und Ritualschaffung wurde im Zuge der Säkularisierung relativiert und im historischen Fortgang sukzessive durch idiosynkratische Rituale kompensiert. Das Internet als usergenerierte Plattform für eine Fülle an Weltanschauungen und Werten hat sich diesbezüglich so weit entwickelt; ohne dass dies seine Kernaufgabe wäre, wird es den sich ausdifferenzierenden Trauerbedürfnissen einer pluralisierten und individualisierten Gesellschaft zunehmend gerechter. Die ›Online-Community‹, die über den eigenen sozialen Nahraum der Offline-Welt hinausreicht, bietet einen unverbindlichen Austausch unter (mehr oder weniger) ›Gleichgesinnten‹. Hinzu kommt, dass die Möglichkeit der Anonymität im Internet dazu führt, dass Menschen sich ihre eigenen Rituale designen können. Der Mainstream und überhaupt normative Vorgaben können somit stärker umgangen werden. Gleichzeitig können NutzerInnen es sich erlauben, weitaus emotionaler und intimer in der virtuellen Öffentlichkeit zu agieren als im begrenzten sozialen Umfeld des ›realen Lebens‹.

In der Konsequenz kommt es zu Enttabuisierungsprozessen: Neben Themen wie Sterbehilfe oder Organspende wird der Tod öffentlich bei Facebook, Instagram und anderen Online-Netzwerken recht unverhohlen thematisiert. Das Sterben Prominenter, aber auch tragischer Opfer (man denke an aufrüttelnde Umweltkatastrophen, Terrorismus usw.) wird, wie oben bereits angedeutet, mit Hashtags öffentlich von Fremden betrauert, über all dies ist eine direkter (üblicherweise verschriftlichter) Austausch möglich, und in Facebook-Freundeslisten finden sich mehr und mehr Gedenkseiten, die buchstäblich voller Erinnerungen stecken. Hat die Geschwätzigkeit des Todes die Verdrängung somit überholt?

Die Mobilisierung des 21. Jahrhunderts beeinflusst jedenfalls den mit Sterben, Tod, Trauer und Erinnerung verknüpften Raumgedanken auf eigenwillige Weise. Während Gräber klassischerweise auf dem Friedhof des Wohnorts der Hinterbliebenen lokalisiert sind, leben Familien im 21. Jahrhundert häufig über größere Strecken voneinander entfernt. Das Familienmodell ist längst nicht mehr lokal definierbar; soziale Zwänge, die zu größerer Mobilität führen, tun ihr Übriges (Beck/Beck-Gernsheim 2011). Parallel steigt die virtuelle Verbundenheit, da durch den Einzug des mobilen Internets die Kommunikation mit anderen Hinterbliebenen, der Familie oder eben der digitalen Identität der Verstorbenen fast immer und überall verfügbar ist. Über traditionelle Vorstellungen der Kommunikation unter Abwesenden (etwa via Brief, Telefon usw.) gehen diese Kontakte schon insofern hinaus, als die Modalitäten des Kontaktes nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich freier definiert werden und die Autonomie der Akteure in diesen kommunikativen Settings erheblich gestärkt ist.

Der virtuelle Raum eröffnet neue Dimensionen der Erinnerung. Die Facebook-Chronik, um nochmals auf dieses Beispiel zurück zu greifen, versteht sich als digitales, teilweise öffentlich zugängliches Foto-, ja sogar Lebensalbum, das nicht nur im engen Rahmen einsehbar ist, sondern allen ›Freunden‹ offensteht. Post mortem dient es als digitales Kondolenzbuch, das eine parasoziale Kommunikation mit Verstorbenen begünstigt. Gleichzeitig hilft es Hinterbliebenen, verschiedene Perspektiven der Identität des oder der Toten zusammenzutragen und sich gedanklich in diese vergangene Lebenswelt einzubringen, wenn dies gewünscht ist.

Virtuelle Friedhöfe und Online-Gedenkseiten werden den klassischen Friedhof natürlich in ›physischer‹ Hinsicht – der ›reale‹ Körper bleibt ja bestehen – nicht ersetzen, vielmehr ist von einer stärker werdenden Differenzierung zwischen Beisetzungsort und Trauerort auszugehen. Hier stehen sich Chancen und Risiken gegenüber: Einerseits wird das endgültige Loslassen der Person durch die dauerhafte Präsenz im virtuellen Raum erschwert, gleichzeitig ermöglicht eine Kommunikation mit der digitalen Identität eines Verstorbenen über seinen Tod hinaus eine Unterstützung bei der sogenannten Trauerarbeit. Im gemeinsamen Erinnern erweitern sich Gemeinschaften – während sie vormals sehr lokal auf das Dörfliche, Familiäre oder Kleinstädtische begrenzt waren, bietet das Internet ein breites Spektrum an posttraditionalen Vergemeinschaftungsangeboten für Gleichgesinnte, d.h. für Personen, die in spezifischer Hinsicht ähnliche Denkweisen und Empfindungen hegen (Hitzler/Honer/Pfadenhauer 2009). Da der Tod immerzu ein Gemeinschaftsphänomen gewesen ist, bietet er sich als Gradmesser für entsprechende virtuelle Korrelate besonders gut an; und die Belege für die virtuelle Erweiterung des Trauer- und Gedenkhandelns sind mittlerweile leicht zu finden.

Momentan sind es hauptsächlich die 14-29-Jährigen, die das Internet sehr intensiv nutzen, wobei auch die Gruppe der über 50-Jährigen immer mehr im Web unterwegs ist: der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtheit der Internetnutzer, die zumindest selten das Internet benutzen, beträgt bereits 41% (AGOF 2018). Somit befindet sich bereits ein Bruchteil derer, die das Web 2.0 nutzen, in einem Alter, in dem es im biografischen Durchschnitt zu vermehrten Trauererfahrung kommt. Insofern ist zu erwarten, dass die digitale Sepulkralkultur mit einer steigenden Nutzerzahl und dem Heranwachsen der digital natives in den nächsten Jahrzehnten zunehmen wird. Der Tod wird zukünftig mehr und mehr zu einem digitalen Phänomen werden; mag auch die Leiche als materielles Überbleibsel stets erhalten bleiben, so deutet sich doch an, dass die sozialen Umgangsweisen mit Sterben, Tod und Trauer verstärkt über digitale Technologien verhandelt und dadurch in ihrem Charakter verändert werden – aus heutiger Sicht mit offenem Ende.

Literatur

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Zeit online (2018): Facebook muss Konten verstorbener Kinder nicht freigeben.  http://www.zeit.de/digital/internet/2017-05/soziale-medien-facebook-eltern-digitaler-nachlass


[1] Von den zehn Themen, über die in Deutschland im Jahr 2017 auf Facebook am meisten gesprochen wurde, behandeln vier den Tod (Statista 2017): der Doppelmord in Herne, der Tod von Helmut Kohl sowie des Sängers Chester Bennington (Linkin Park) und der Terroranschlag in Barcelona.

[2] Darüber hinaus bilden sich aber auch neue Berufszweige im Online-Sektor, die erst durch das Internet hervorgebracht werden; und dies auch im Kontext des Todes. Beispielsweise gibt es Unternehmen, die digitale Spuren Verstorbener aus dem Netz löschen oder das digitale Vermächtnis sichern und weitergeben. Seelsorger und Trauerbegleiter als Teil von Institutionen wie Hospizen und Kirchen weiten im Internet ihr Engagement aus. Auch private Initiativen, die sich in ihrer Trauer zusammengeschlossen haben, finden sich im World Wide Web (vgl. Offerhaus 2016: 45f.).

[3] Dass auch Eltern nach dem Tod der eigenen Kinder keinen Zugang zu deren privaten Facebook-Nachrichten erlangen, zeigt der Fall einer Jugendlichen, die im Jahr 2012 in einem Berliner U-Bahnhof von einem einfahrenden Zug erfasst wurde. Ob es sich dabei um einen Unfall oder etwa um einen Suizid handelte, wollten die Eltern der Verstorbenen anhand ihrer Chatverläufe herausfinden. Nachdem Facebook jedoch den Zugriff mit Verweis auf den Datenschutz verweigerte, klagte die Mutter vor dem Berliner Landgericht, das ihr in einem Urteil vom Dezember 2015 zunächst Recht gab. Allerdings wies das Kammergericht aufgrund des Fernmeldegeheimnisses von Kommunikationspartnern der Tochter die Klage im Mai 2017 ab, nachdem Facebook Berufung einlegt hatte (Zeit online 2018).

[4] Das sogenannte Web 2.0 beschreibt das interaktive Internet in Zeiten von Social Media und sozialer Verknüpfung online. Das Web 3.0 geht noch darüber hinaus: nicht mehr der Mensch muss die semantische Bedeutung eines Begriffes erfassen, sondern Maschinen können durch hinterlegte, verknüpfte Informationen den Kontext eines Begriffes erkennen. So werden bei Eingabe des Suchbegriffes »Anzeige Kohl« bei politisch Interessierten keine Werbeanzeigen eines Kohlkopfes präsentiert, sondern im Idealfall Todesanzeigen des Altkanzlers Helmut Kohl. Die Ära des ›semantischen Web‹ befindet sich momentan noch in der Entwicklung, weshalb in dem vorliegenden Artikel, der sich mehr auf die menschliche Interaktion im Web fokussiert, noch von 2.0 gesprochen wird.

[5] Sieht man einmal von solchen ›Handwerken‹ wie der sogenannten Postmortem-Fotografie ab (Benkel/Meitzler 2016).

[6] Neben den neuen virtuellen Möglichkeiten führt Matthias Meitzler an, dass Trauer für viele Menschen ohnehin nicht an einen bestimmten Ort gebunden sein muss, sondern schlichtweg dort stattfindet, wo man selbst gerade ist – und sei es nur in der eigenen, von außen nicht zugänglichen Gedankenwelt (vgl. Meitzler 2013b: 293).